Dienstag, 28. Oktober 2014

Brief an die Bischöfe: Ihr habt mit Christus nichts zu tun!

Erik Flügge
Es war eine historische Chance für die Katholische Kirche, sich zu erneuern. Sie hat sie wie jede Chance seit 40 Jahren verpasst. Am Ende der Vatikansynode gab es keine Zweidrittelmehrheit für Respekt und Menschlichkeit. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören zu schweigen!

Ich bin nicht irgendjemand, der über die Katholische Kirche schimpft. Ich bin ein Mitglied und um ehrlich zu sein, kein unbekanntes. In den meisten Diözesen Deutschlands gibt es Katholiken, die mich kennen. Sie haben mir zugehört, sie haben mit mir gearbeitet oder sich mit mir gestritten.
Auch bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) bin ich kein unbeschriebenes Blatt. Ich gehöre zu den jüngsten Menschen, die in den letzten 200 Jahren in der Konferenz gesprochen haben. Ich zähle zu denen, denen dort am längsten zugehört wurde. Der Vorsitzende der DBK honorierte das damals mit den Worten “das, was Sie hier gesagt haben, hat uns noch nie jemand gesagt, aber wie sie es uns gesagt haben, hat uns noch gar nie jemand etwas gesagt”. 

Ich habe wieder etwas zu sagen! 
Ich habe euch Bischöfen wieder etwas zu sagen: Ihr liegt falsch. Ihr liegt falsch, so falsch wie man nur liegen kann. Es gibt für euren Beschluss auf der Vatikansynode keine theologische Begründung. Ihr steht nicht in der Nachfolge Jesu. Ganz sicher nicht, denn ihr missachtet seine innerste und zentralste Geisteshaltung: Menschenfreundlichkeit.
Erinnert ihr die Bibelstelle, in der Jesus eine Steinigung verhindert? Er stellt sich schützend vor eine Ehebrecherin und fordert die Urteilenden auf “wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein”. Der größte Stein, den die Katholische Kirche werfen kann, ist der Ausschluss von der heiligen Kommunion. Sie wirft ihn auf alle Geschieden-Wiederverheirateten.
Ich weiß, dass die meisten von Euch für die Resolution gestimmt haben. Ich weiß, dass es nur wenige Stimmen waren, die fehlten. Aber das, was auf der Vatikansynode passierte ist symptomatisch für diese Kirche. Es fehlt immer und immerzu der Wille, sich zu erneuern. Es ist egal, wie ihr abgestimmt habt, denn in allen euren Diözesen verbreitet ihr Angst – unabhängig davon, ob ihr euch liberal oder konservativ nennt.

Nur die Angst der Mitglieder macht euch stark. 
Ich kenne hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Katholischen Kirche. Ich kenne tausende Mitglieder. Ich kenne Konservative und Liberale. Aber ich kenne niemanden, der Eure Position noch versteht. Der einzige Grund, warum ihr das nicht erfahrt, ist, weil ihr so viel Angst verbreitet, dass ihr es nicht gesagt bekommt.
Mir sagte mal ein enger Mitarbeiter von Kardinal Meißner “wir lügen den Kardinal jeden Tag an, weil er die Wahrheit über die Welt nicht überleben würde”. Mir berichtete jemand aus einer Social Media Beratung mit einem Bischof. Dessen einzige Frage war: “Kann man die Kommentarfunktion auf Facebook komplett abschalten?” – Als die Antwort nein lautete, war für ihn klar, dass man dieses Medium nicht nutzt.

Unseren Mut könnt ihr nicht überwinden. 
Es ist an der Zeit, die Angst zu beenden. Ich weiß wie mächtig ihr seid, aber eine Kirche, in der sich die Ehrenamtlichen nicht mehr engagieren, kann nicht überleben. Ihr seid abhängiger von uns Mitgliedern und von euren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als wir von euch und eurer Borniertheit.
Hören wir endlich auf, zu schweigen. Ich will nicht mehr nur von Kirchenfeinden lesen, dass die Bischöfe falsch liegen. Ich will es von allen hören, die es in der Kirche denken. Erst dann merken diese alten Männer, dass sie sehr einsam sind.

Warum ich nicht austrete? 
Ihr mögt hoffen, dass ich wie so viele andere aus der Katholischen Kirche austrete. Ihr nennt das eine “Bekennende Kirche”. Ja, als bekennend werde ich mich jederzeit bezeichnen. Ich bekenne, dass ich in der katholischen Jugendarbeit im BDKJ und in der KjG fast alles gelernt habe, was mich auszeichnet. Ich bekenne, dass ich an die Idee Jesu Christi von einer gerechten Welt glaube. Ich trete dennoch nicht aus, weil ich weiß, wie schwach ihr seid. Wir, die wir wahrhaftig eine menschenfreundliche Kirche wollen, sind in der Mehrheit. Wir müssen dieser Mehrheit nur endlich eine laute Stimme geben. – Dann erzittern eure Paläste.

Das Mindeste, was Du von Dir selbst erwarten kannst: Teile den Beitrag, wenn er Dir aus dem Herzen spricht. Besser noch: Schreib selbst!

Blog Erik Flügge



„Die Kirche darf nicht mehr so klammern“
Erik Flügge ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Sinus-Institut in Berlin. Und er zeigt auf, wie die Kirchen sich verändern müssen, um im Konkurrenzkampf der Sinnangebote zu bestehen. Doris Brändle hat sich mit ihm unterhalten.

Ihr Institut teilt die deutsche Bevölkerung in zehn Milieus ein und hat unter anderem die religiösen Einstellungen der Deutschen erforscht. Haben Sie in allen Milieus gleichermaßen treue Kirchgänger gefunden?

Erik Flügge: Nein. Die Kirchgänger finden sich im Wesentlichen in vier, fünf Milieus: Im konservativ-etablierten Milieu und in der bürgerlichen Mitte existiert noch ein Wissen über die Bibel, man fühlt sich an die Kirche gebunden. Im traditionellen Milieu, zu dem viele Ältere gehören, herrscht eine starke Priester- und Pfarrerorientierung, Tradition und Rituale werden nicht in Frage gestellt. Im liberal-intellektuellen Milieu findet dagegen eine kritische Auseinandersetzung mit Religion und Kirche statt.
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